5 praktische Schritte, um hochsensibel schwierige Situationen zu meistern.

Für viele hochsensible Menschen gehört die Reizüberflutung durch unzählige Sinneseindrücke zum Alltag. Dadurch entsteht oft ein Gefühl der inneren Unruhe und Überforderung bis hin zu völliger Erschöpfung. Viele Menschen sehen aufgrund ihrer Hochsensibilität als Ausweg nur den sozialen Rückzug. Doch es gibt wunderbare Werkzeuge, um mit der Flut der äußeren Reize hilfreich umzugehen.

Hochsensibilität

Hochsensibilität im Alltag – durch wilde Wasser manövrieren

Ich freute mich riesig auf das Wochenende – endlich mal wieder tanzen gehen! Meine Freunde und ich verabredeten uns vorher in einem Restaurant, um alle Neuigkeiten auszutauschen. Schon der Weg dorthin wurde zu einer Odyssee. Als ich zur Bahn lief, stritt ein Pärchen lautstark hinter mir, während vor mir jemand seinen Zigarettenrauch ausbreitete. An mir vorbei knatterten gefühlt nur Autos mit defektem Auspuff. Die Bahn war völlig überfüllt mit einer Mischung aus angetrunkenen Partygängern, schreienden Kindern und einer laut telefonierenden Frau neben mir.

Im Restaurant bemerkte ich zuerst das grelle Deckenlicht und einen penetranten Geruch von Duftkerzen. Ein Freund neben mir rutschte fahrig auf seinem Stuhl hin und her und wirkte irgendwie unter Druck. Auf mein Nachfragen sagte er, alles sei Bestens, doch sein verbissener Gesichtsausdruck erzählte etwas anderes. Meine Freunde fingen an wild durcheinander zu reden, und alles worauf ich mich konzentrieren konnte, war dieses kleine Etikett an meinem Hemd, das permanent auf meiner Haut rieb. Das Geplapper vermischte sich mit allen anderen Eindrücken zu einem schwindligen Strudel, auf dem ich irgendwie versuchte hindurch zu paddeln, bis mich die aufpochenden Kopfschmerzen zur Flucht auf mein Sofa zwangen.

Wieder einmal konnte ich aufgrund meiner Hochsensibilität nicht einfach rausgehen und das tun, was mir wichtig war oder Spaß machte. Egal ob Freunde treffen, einen Workshop durchführen, reisen oder andere Aktivitäten – ständig stieß ich auf meinem Weg an diese hochsensiblen Hürden, die mir immer wieder Überreizung, Unruhe und Erschöpfung bescherten. Deshalb traute ich mich lange Zeit nur in seichte Gewässer, was meine Motivation und Möglichkeiten deutlich einschränkte.

Die Flut gekonnt kanalisieren

Ich wollte nicht länger hinnehmen, dass mich die Reizüberflutungen so im Griff haben. Zu sehr spürte ich meine innere Motivation rauszugehen und meine Träume und Talente zu verwirklichen. Über viele Umwege und Rückschläge entdeckte ich immer mehr Möglichkeiten, mit meiner hochsensiblen Veranlagung umzugehen, auch wenn manche Situationen herausfordernd sind.

Dafür fand ich einen wichtigen Schlüssel: Lange existierte in meinem Denken nur ein »entweder oder«, was mich in der Konsequenz entweder zu völliger Überlastung oder zu sozialer Isolation führte. In vielen Situationen schien etwas dazwischen unmöglich. Erst als ich anfing ein »sowohl als auch« zu leben, konnte ich sowohl meinen Wünschen und Plänen aktiv nachgehen als auch auf meine hochsensiblen Bedürfnisse achten.

Dabei lernte ich Schritt für Schritt, wie ich die vielen Eindrücke kanalisieren kann, um eine hilfreiche Balance aus Erfahrung und Abgrenzung aufzubauen. Gleichzeitig akzeptierte ich meine hochsensible Art und nahm ihre Besonderheiten und Bedürfnisse an. Diese Akzeptanz war anfangs gar nicht so einfach zu erlangen, weil ich mich als hochsensibler Mann auch mit alten Rollenklischees vom harten und emotionslosen Männlichkeitsideal konfrontiert sah. Doch während ich meiner Hochsensibilität Raum und Zeit zum Ankommen und Entspannen gab, beschenkte sie mich mit immer mehr Kraft zum Erblühen und Erleben.

5 Schritte hinaus aufs Meer deiner Möglichkeiten

Auf lange Sicht kristallisierten sich einige Methoden heraus, die mir konsequent halfen, mich aus dem Griff der Reizüberflutung zu befreien. Durch diese Schritte lernte ich, all die Reize und Informationen mit innerer Ruhe zu verarbeiten und schwierige Situationen mit Gelassenheit anzugehen. Ich möchte sie gern mit dir teilen, weil ich überzeugt bin, dass sie dich auf deinem hochsensiblen Weg enorm unterstützen können.

Zu jedem Schritt findest du praktische Werkzeuge, die du direkt in deinem Alltag ausprobieren kannst.

Schritt 1: Akzeptanz – Schalte den SOS-Modus ab

In unserer Kultur lernen wir häufig von kleinauf, auf Schwierigkeiten und Probleme sofort reagieren zu müssen und direkt eine perfekte Lösung parat zu haben. Das ist besonders für Hochsensible im Berufsleben eine Herausforderung. Wir fühlen uns dann gezwungen, schnell und effektiv zu handeln, obwohl wir eigentlich tiefgründig und nachhaltig wirken wollen. Dadurch schalten wir in alltäglichen Situationen immer öfter den Notfallmodus ein, der eigentlich nur für extreme, lebensbedrohliche Gefahren angelegt ist. So können viele Menschen den Moment nicht mehr wahrnehmen und erstmal so stehenlassen, sondern reagieren mit purem Stress und Panik. Für Hochsensible kann das schnell zu völliger Überlastung führen. Die vorübergehende Lösungslosigkeit fühlt sich dann tatsächlich sehr bedrohlich an. Kleine Eindrücke können so zu einem wilden Tier wachsen, das uns in Stücke reißen möchte, wenn wir nicht sofort fliehen oder angreifen.

Im normalen Alltag gibt es zum Glück sehr selten lebensbedrohliche Situationen, die eine sofortige Reaktion verlangen. Um diesen SOS-Modus abzuschalten, ist es hilfreich den Reiz von der Reaktion zu trennen. Sag innerlich zu dir: »Moment mal!«* und halte inne. So wird ein Raum dazwischen frei, der dir Zeit und Ruhe verschafft. Das gelingt am besten, wenn du versuchst alle Eindrücke erstmal nur wahrzunehmen und die gegenwärtige Situation zu akzeptieren. Konzentriere dich dabei nur auf deine Sinne: Was sehe, höre, rieche ich? Der Notfallmodus wird immer wieder versuchen, sich dazwischen zu drängen – getarnt als Aufforderungen sofort zu reagieren. Anstatt dagegen anzukämpfen, versuche sie bewusst wahrzunehmen und einfach stehenzulassen.

Anfangs wird dir das vielleicht schwerfallen, weil dieser SOS-Modus so mächtig trainiert ist. Dann kannst du zur Unterstützung deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem lenken. Nimm körperlich wahr, wie du ein- und ausatmest. Und wenn deine Gedanken zu den Aufforderungen abdriften, stelle es einfach kurz fest und lenke dann deine Aufmerksamkeit behutsam wieder zu deinem Atem. Dadurch leitest du deinen Fokus weg von der Reaktion und Überforderung hin zum achtsamen Moment. So entsteht mit der Zeit ein Akzeptanz-Modus, der dir erlaubt in Ruhe herauszufinden, was du jetzt brauchst, um hilfreiche Entscheidungen zu treffen.

Leitfaden Schritt 1: Schalte den SOS-Modus aus & den Akzeptanz-Modus an

  • Trenne Reiz von Reaktion (»Moment mal!«) & nutze den Raum dazwischen
  • Achtsamkeit: Nimm deine Sinneseindrücke bewusst wahr
  • Akzeptanz: Lass die Situation & Aufforderungs-Impulse so stehen
  • Zur Unterstützung: Lenke deinen Fokus auf deinen Atem

* nach Klaus Grochowiak

Schritt 2: Setze Kurs auf Neubewertung

Als nächsten Schritt kannst du herausfinden, wie du überfordernde Situationen bewertest und welche Reaktionen diese Bewertung hervorruft. Diese Reaktionsmuster laufen meist unbewusst ab, und wir handeln dabei auf »Autopilot«. Dadurch fühlen wir uns vielen Eindrücken und Situationen machtlos ausgeliefert, weil es so erscheint, dass sie nur diese eine Reaktion zulassen.

Vielleicht hast du schon einmal vom ABC-Schema* gehört: Es gibt ein auslösendes Ereignis (A – activating event) und eine Reaktion darauf (C – consequence). Diese beiden Punkte nehmen wir bewusst wahr und glauben deshalb, dass unsere Handlung die unausweichliche Reaktion von einem Ereignis ist. Wenn ich zum Beispiel ein laut hupendes Auto höre (A), dann reagiere ich darauf normalerweise mit Ärger und Stress (C). Doch dazwischen findet ein kognitiver Prozess statt, nämlich die Bewertung des Ereignisses (B – belief). Diese Bewertung entsteht durch unsere erlernten Überzeugungen, Glaubenssätze und Einstellungen. Dies geschieht unbewusst, weshalb wir glauben keinen direkten Einfluss auf unsere Reaktionsmuster zu haben.

Doch mit diesem Wissen kannst du lernen, dir deine Bewertungen bewusst zu machen und dadurch deine Reaktionen zu verändern. Als ersten Schritt kannst du deine Beobachtungen von deinen Bewertungen trennen. Beschreibe dabei eine Situation (A) so, wie sie eine Kamera von oben aufzeichnen würde. Was können wir auf dem Bildschirm tatsächlich sehen? Nehmen wir als Beispiel: wir sehen, dass du ein Restaurant betrittst, an jedem Tisch sitzen Leute. Wir sehen durch ihre Gestik und Mimik, dass sie sich angeregt unterhalten. Nun betrachte deine Bewertung (B) dazu. Vielleicht hast du aufgrund deiner bisherigen Erfahrungen die Überzeugung etabliert, dass diese Situation generell nur Überreizung bedeuten kann. Also wirst du wahrscheinlich die Konsequenz (C) ziehen, dass ein Rückzug nötig ist. Für viele Hochsensible ist dies die einzig denkbare Reaktion, um sich vor Reizüberflutung zu schützen.

Nun kannst du dich fragen: Welchen Preis zahle ich, wenn ich diese Bewertung aufrecht erhalte? Was passiert, wenn ich die Bewertung fallenlasse oder aufweiche? Welche neuen Möglichkeiten könnten sich dadurch für mich ergeben? Eine Neubewertung kann dazu führen, dass du auslösende Momente differenzierter wahrnimmst und dadurch neugierig und offen auf neue Situationen zugehst. Vielleicht fühlst du dich heute ausgeglichener als beim letzten Restaurantbesuch. Vielleicht kannst du dich heute mehr auf deine Bedürfnisse konzentrieren. Vielleicht versuchst du es heute mal für eine halbe Stunde und schaust, was passiert.

Wenn du alte Glaubenssätze durch hilfreichere Bewertungen ersetzt, können dich alte Gewohnheiten und Reaktionsmuster nicht mehr so einschränken. Du kannst dich bewusst entscheiden, jede Situation für neue Erfahrungen zu nutzen und dadurch deinen Handlungsspielraum zu erweitern.

Leitfaden Schritt 2: Erweitere deinen Handlungsspielraum

  • Trenne deine Beobachtungen von deinen Bewertungen (Kamera-Perspektive)
  • Mach dir deine Glaubenssätze & Bewertungen (B) bewusst & hinterfrage sie
  • Formuliere neue, hilfreiche Bewertungen & Glaubenssätze
  • Entdecke dadurch neue Handlungsmöglichkeiten

* nach Albert Ellis

Hochsensibilität und Überreizung was tun gegen die Flut?

Schritt 3: Wirf Informationen über Bord

Dieser Schritt dient dazu, dein Stressniveau generell zu verringern: indem du Reize aus der Umwelt wohldosierst, sodass du bereits mit einer gelassenen Grundhaltung in Situationen gehen kannst. Es mag wie einer dieser banalen Ratschläge klingen: »Nimm nicht so viele Informationen auf«. Doch es ist erstaunlich, was dieser Schritt gerade für hochsensible Gemüter bewirken kann, und vor allem wie viele blinde Flecken es dabei im Alltag gibt. Beim Schutz vor der Informationsflut denken wir zuerst an Nachrichten, TV-Sendungen oder die Unmengen an Social-Media-Kanälen. Natürlich ist es eine gute Reizreduzierung, wenn wir uns diesen Informationskanälen mal nicht aussetzen. Aber besonders für Hochsensible reicht das oft nicht, um wirklich ausgleichende Ruhe finden zu können. Denn für die hochsensible Reizverarbeitung kann jede weitere Information eine enorme Belastung bedeuten.

Stell dir deine hochsensiblen Sinneskanäle als deinen kostbarsten Schatz vor. Sie sind zu wundervollen Eindrücken fähig, aber gleichzeitig sehr empfindlich. Deshalb ist es wichtig genau abzuwägen, welche und vor allem wie viele Informationen deine Sinne berühren dürfen. Deine Aufmerksamkeit ist der Filter, mit dem du diesen Schritt lenken kannst. Benutze diesen Filter sehr weise. Finde genau heraus, was deine Sinne beflügelt und was sie überreizt. Sei dabei ehrlich zu dir selbst: Ist es die tägliche Plauderei mit einem Kollegen, die deine Ohren klingeln lässt? Kannst du durch das spannende Buch nicht gut einschlafen? Belastet dich der klagende Anruf deiner besten Freundin?

Es sind oft ganz alltägliche und beiläufige Informationen, die wir irgendwo aufschnappen und die uns dann beschäftigen und belasten. Besonders Menschen mit hoher Empathie erleben all die Geschichten und Bemerkungen von anderen aktiv mit, regen sich innerlich mit auf und denken angestrengt über mögliche Lösungen nach. Die Informationsflut verändert unsere Gedanken und Gefühle, und damit auch unser Verhalten enorm.

Um herauszufinden, welche Informationskanäle täglich auf dich einwirken und was sie in dir langfristig auslösen, kannst du ein Journal darüber führen. Versuche wirklich jeden Kanal zu entdecken, auch jene, die weniger sensible Menschen vielleicht als angenehmen Austausch erleben. Schreibe in einer zweiten Spalte ehrlich auf, inwiefern dich dieser Informationskanal beeinflusst oder beeinträchtigt. Überlege dir dann genau, wie du diesen Kanal abschalten oder in geringerem Maß halten kannst. Mit der Zeit wirst du ein gutes Gespür dafür entwickeln und bemerken, wie wohltuend eine genaue Informationsdosierung wirken kann.

Leitfaden Schritt 3: Dosiere sinnvoll Informationen


Führe ein tägliches Journal:

  • 1. Spalte: Liste all deine Informationskanäle auf (auch Bücher, Filme, Gespräche, etc. gehören dazu) – Wie oft nutzt du sie?
  • 2. Spalte: Schreibe selbstehrlich zu jedem Kanal, wie er dich emotional & gedanklich beeinflusst oder beeinträchtigt
  • 3. Spalte: Halte fest, wie du diesen Kanal abschalten oder besser dosieren kannst.
  • Genieße die entstehende innere Ruhe

Schritt 4: Perfektionismus adé – Lass das Ruder ruhen

Hierbei geht es wie bei der Informationsdosierung darum, dein alltägliches Reizniveau in einen entspannten Bereich zu bringen. Doch diesmal passiert das auf der Ebene deiner erlernten Glaubenssätze und Einstellungen, die zu einem bestimmten Verhalten führen (siehe ABC-Schema von Schritt 2). Es ist offenbar ein Phänomen vieler hochsensibler Menschen, aufgrund ihrer feinfühligen Art eine enorme Detailverliebtheit und Genauigkeit entwickeln.

In Verbindung mit der Einstellung zu emotional und nicht belastbar genug zu sein, führt das mitunter zu einem Perfektionismus aus enormer Gewissenhaftigkeit und einem riesigen Verantwortungsbewusstsein. »Ich muss der Welt beweisen, dass ich belastbar und leistungsfähig bin.« Viele Hochsensible fühlen sich dadurch permanent zuständig für Freunde, Familie, Kollegen sowie sämtliche anfallende Aufgaben. Diese harte Einstellung gegen sich selbst öffnet die Tore für Überlastung und Erschöpfung. Wenn manche es dann nur noch bis aufs Sofa schaffen, kommen oft noch Selbstvorwürfe hinzu. Es entsteht eine Spirale der Selbstabwertung und Erschöpfung.

Einen ersten Schritt raus aus dieser Spirale kannst du tun, indem du deinen eigenen Perfektionismus hinterfragst: auf welche erlernten Glaubenssätze und Einstellungen stützt er sich? Meist beginnen diese Sätze mit »Ich müsste« oder »Ich sollte«, und sie laufen automatisch ab. »Ich müsste besser sein.« »Ich sollte das schneller schaffen.« Oder auch: »Ich könnte niemals entspannen, wenn noch Aufgaben anstehen.« Wenn du solche oder ähnliche automatische Sätze entdeckst, schreib sie auf und schau mal, woher sie kommen. Klingen diese Stimmen vielleicht nach deinen Eltern oder einem Lehrer? Überlege dann, wie diese Sätze dein Verhalten im Alltag steuern und was passieren würde, wenn du ihnen nicht mehr zuhörst.

Der letzte Schritt ist am wichtigsten: Formuliere daneben neue Glaubenssätze, die deine Selbstsorge und Selbstliebe unterstreichen. Sie dürfen positiv formuliert sein und beginnen mit »Ich kann« oder »Ich darf«: »Ich kann langsam und ruhig arbeiten.« »Ich darf genießen und entspannen, auch wenn noch Dinge unerledigt sind.« Diese Sätze kannst du als positive Affirmationen jeden Tag bewusst lesen. Stell dich am besten vor einen Spiegel und sag sie zu dir selbst. So entsteht neben den alten Stimmen langsam eine neue Stimme, die dir gehört.

Neben deiner neugewonnenen Selbstsorge geht es auch darum zu lernen, Aufgaben zu delegieren und Verantwortung abzugeben. Denn vieles, was wir uns aufbürden, haben wir anderen abgenommen oder uns überhelfen lassen, obwohl es gar nicht unsere Baustelle ist. Es ist ok, wenn du die Welt retten möchtest – dabei darfst du mit dir selbst beginnen. Fang bei deiner Selbstsorge an.

Leitfaden Schritt 4: Leg den Perfektionismus ab

  • Ergründe deine perfektionistischen Glaubenssätze (»Ich sollte, müsste, darf nicht«)
  • Formuliere neue, positive Sätze der Selbstsorge (»Ich kann, darf«)
  • Sage diese positiven Affirmationen täglich zu deinem Spiegelbild
  • Lerne dadurch Aufgaben und Verantwortung abzugeben

Schritt 5: Genieße das Spiel auf dem Sonnendeck

Ein wesentlicher Faktor der Selbstsorge liegt in der Fähigkeit des Genießens. Sinnlich das Schöne, Wahre und Gute wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen, bildet den wichtigen Ausgleich zu stressigen und schwierigen Situationen. Du kannst es dir wie zwei miteinander verbundene Behälter vorstellen: der Muße-Behälter füllt sich, während der Stress-Behälter sich leert. Die Fähigkeit zum Genuss – auch als Savouring-Konzept bekannt* – ist ein Element der positiven Psychologie, weil sie einen großen Einfluss auf unser allgemeines Glücksempfinden hat. Dabei wurde festgestellt, dass Menschen am glücklichsten sind, wenn sie im Alltag viele kleine Momente des Genießens erleben und deshalb häufig positive Emotionen verspüren. Es geht also um die kleinen Dinge.

Viele Menschen haben diese Genussfähigkeit leider verlernt, weil ihre Gedanken ständig um vergangene Ereignisse oder zukünftige Sorgen und Pläne kreisen. Auch das gilt in besonderem Maße für Hochsensible, besonders wenn sie bereits überreizt und erschöpft sind. In diesem Zustand ist es schwer möglich, die feinen Sinneskanäle für das Hier und Jetzt zu öffnen und sich am Moment zu erfreuen. Doch gerade dann ist dieser momenthafte Genuss genau das, was hochsensible Menschen bräuchten, um in ihrem Alltag eine Balance zu schaffen.

Um diesen Schritt zu gehen, kannst du erstmal herausfinden, in welchen Momenten du Genuss und Muße empfindest. Was tust du, wenn du ganz im Hier und Jetzt bist? Welche Aktivitäten fühlen sich entspannend, nährend und erhebend an? Liste mindestens 20 Aktivitäten auf, ohne groß darüber nachzudenken. Wirken manche Punkte auf deiner Liste albern oder kindisch? Sehr gut! Wenn dein inneres, spielerisches Kind angesprochen wird, bist du auf der richtigen Fährte. Ob Musik hören, backen, spazieren gehen, ein Bad nehmen oder andere schöne Dinge – alles ist erlaubt, solange es sich nicht wie eine weitere Aufgabe auf deiner To Do-Liste anfühlt.

Schaue nun in deinen Wochenplan und schaffe dir darin Inseln des Genießens: erlaube dir mindestens einmal täglich eine nährende Aktivität aus deiner Liste zu erleben. Denk dran, es geht um viele kleine Genussmomente im Alltag. Einmal pro Woche verabredest du dich mit dir selbst zu einem größeren Abenteuer, vielleicht ein Ausflug in den Wald oder tanzen gehen. Experimentiere mit dem genussvollen Alleinsein und finde heraus, was dein Herz auf wundervolle Art höherschlagen lässt.

Um die Fähigkeit zum Genuss (wieder) zu erlernen, sind zwei Komponenten entscheidend: die sinnliche Wahrnehmung von schönen Dingen im Hier und Jetzt, und die positive Bewertung dieses Erlebens. Während du deinen nährenden Aktivitäten nachgehst, haben alle negativen Gedanken Urlaub. Alle »Ich müsste, ich sollte«-Sätze werden für diese Zeit hinaus komplimentiert. Das gilt auch für Einstellungen wie »Ich habe keine Zeit für sowas« oder »Ich bin zu alt für solchen Quatsch«. Wenn du dir Genuss und kindlichen Spaß erlaubst und diese Zeit auch positiv bewertest, wird das nicht nur dein Stressniveau senken, sondern du lässt auch mehr Lebensfreude und Begeisterung in dein Leben. Gönn dir selbst die Zeit auf den Genuss-Inseln.

Leitfaden Schritt 5: Erschaffe Genuss-Inseln

  • Liste mind. 20 nährende Aktivitäten auf
  • Baue sie bewusst in deinen Wochenplan ein (mind. 1x täglich)
  • Erlaube dir mind. 1x pro Woche ein größeres Abenteuer
  • Bewerte deine Genussmomente positiv – negative Gedanken haben Urlaub

* nach Barbara Fredrickson

Dein Fixstern für Entspannung und Gelassenheit mit Hochsensibilität

Vielleicht ist dir aufgefallen, dass die fünf Schritte sich hauptsächlich um deine innere Bewertung und die daraus resultierenden Handlungen drehen. Das hat einen einfachen Grund: wir können weder unsere Hochsensibilität noch die äußeren Reize und Umwelteinflüsse ändern, gerade wenn wir rausgehen. Wir können aber unsere Einstellung zu den Reizen beeinflussen und dadurch unseren Umgang damit verändern.

Es ist wie mit dem Wetter: wenn du unterwegs bist und es fängt an zu regnen, dann kannst du nicht verhindern nass zu werden. Aber du kannst bewusst entscheiden, ob du dich darüber aufregst und die Situation verfluchst, oder den Moment, so wie er gerade ist, akzeptierst und in Ruhe nach hilfreichen Handlungsmöglichkeiten suchst. Vielleicht entdeckst du dabei ein paar Kinder, die begeistert durch die Pfützen springen und erinnerst dich an deinen spielerischen Umgang mit unverhofften Erlebnissen.

Das Gleiche gilt für Situationen, in denen du dich überfordert oder von Reizen überflutet fühlst. Du kannst deine hochsensible Veranlagung und die äußeren Reize nicht ändern, aber einen bewussten und akzeptierenden Umgang damit kannst du aufbauen. Dein Stresslevel wird sich dadurch deutlich verringern, während du entspannter reagieren kannst.

Natürlich brauchen die Schritte etwas Übung, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Zu Beginn kannst du dich erstmal auf einen Schritt konzentrieren. Das Gute ist: es sind die kleinen Veränderungen im Alltag, die zu großer Erleichterung, innerer Ruhe und Gelassenheit führen. Mit der Zeit wird es dir leichter fallen und zur Gewohnheit werden. Geh einfach den ersten Schritt.

Frage: Was hast du bisher versucht, um mit Überreizung und Überforderung umzugehen? Was hat gut funktioniert, was nicht so gut? Teile deine Erfahrungen gern unten in den Kommentaren.